
Diagnostik
Klinische, störungsspezifische und individuelle Diagnostik für Ihre Selbsteinschätzung
Psychologische Diagnostik beim Psychotherapeuten
Die Grundlage findet sich in § 11 der Psychotherapie-Richtlinie: „Die Sprechstunde dient der Abklärung, ob ein Verdacht auf eine krankheitswertige Störung vorliegt und weitere fachspezifische Hilfen im System der Gesetzlichen Krankenversicherung notwendig sind. […] Darüber hinaus sollen der Patientin oder dem Patienten, sofern erforderlich, Hinweise auf andere Hilfemöglichkeit gegeben werden.“ Vor diesem Hintergrund führen wir Diagnostik hinsichtlich psychischer Störungen durch und sprechen Empfehlungen aus – auch wenn es in der Folge nicht um eine sich bei uns Psychotherapie, sondern um andere Maßnahmen (z.B. Medikation oder Hilfe durch das Jugendamt) geht.
Leider merken wir aktuell, dass es vielen Patient*innen und deren Eltern immer schwerer fällt, einen zeitnahen Termin zur Diagnostik bei anderen Stellen und Einrichtungen zu bekommen. Daher haben wir entschieden, sofern es uns von unseren Kapazitäten her möglich ist, diagnostische Abklärungen im Rahmen unseres psychotherapeutischen Angebots durchzuführen.
Wann zu uns?
Diagnostik ist sinnvoll und indiziert, wenn sie zur Vorbereitung und Einleitung einer psychotherapeutischen Behandlung durchgeführt wird. Daher können wir Termine nur anbieten, wenn eine entsprechende Indikation vorliegt (idealerweise eine Überweisung von einer Fachärzt*in). Der Wunsch nach Diagnostik zwecks mehr „Selbsterkenntnis“ oder weil jemand einfach mal wissen will „ob ich ADHS habe oder Autist bin“ ist keine Indikation, um auf solidargemeinschaftlich finanzierten Kosten der Krankenkasse psychotherapeutische Leistungen in Anspruch zu nehmen. In diesem Falle wären die Kosten für eine psychologische Diagnostik privat als Selbstzahler zu tragen.
Ist der Ausgangspunkt eine Überweisung durch eine Fachärzt*In, gewöhnlich verbunden mit einer spezifischen Fragestellung oder eine Verdachtsdiagnose, können die diagnostischen Sitzungen über die gesetzliche Krankenklasse abgerechnet werden.
Was machen wir nicht?
- Wir führen keine Diagnostik durch, wenn wir hinsichtlich des Störungsbildes oder der Fragestellungen eine fachärztliche Diagnostik in einer entsprechenden Spezialambulanz oder andere somatische (hormonelle, immunologische, human-genetische u. ä.) Untersuchungen für erforderlich halten.
- Wenn bereits eine ärztliche oder psychotherapeutische Diagnostik erfolgt ist und Maßnahmen empfohlen sind, erstellen wir keine Zweitmeinungen.
- Wir führen keine Diagnostik durch, wenn aktuell eine psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung in einer anderen Praxis erfolgt, da in der Regel, wenn jemand bereits in psychotherapeutischer Behandlung ist, Leistungen in einer weiteren Praxis nicht abgerechnet werden können. In diesem Fall fragen Sie bitte bei der behandelnden Praxis bzgl. Diagnostik nach.
- Wir führen Diagnostik ausschließlich zur Feststellung psychischer Störungen wie Entwicklungsstörungen (ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen u. ä.), Ängsten, Depression oder Persönlichkeitsstörungen durch, nicht zu pädagogischen Fragestellungen oder als Attestierung für einen Nachteilsausgleich im Rahmen von Ausbildung/Studium. Ggf. benötigte Bescheinigungen sind nicht abrechnungsfähige Leistungen, also Igel Leistungen, die privat liquidiert werden müssen.
- Die psychotherapeutische Sprechstunde, die Grundlage der Diagnostik ist, ist eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung. Für die Privatversicherung und Beihilfe gibt es seit Juli 2024 Abrechnungsempfehlungen, die ähnliche Möglichkeiten bieten.
- Wir sind psychologische Psychotherapeut*innen, daher können wir keine Medikamente verordnen. Wenn eine Patient*in nach der Diagnostik eine Medikation erhält, erfolgt dies durch ärztliche Indikationsstellung und auf Verordnung eines/r Facharztes/ärztin.
Was ist eine psychische Störung?
Die einfachste, aber unbefriedigendste Antwort auf die Frage, was eine Störung ist, besteht in der Bezugnahme auf die Kriterien eines Klassifikationssystems wie der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten (ICD) oder dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM). Dabei werden bestimmte Symptome zu einem Störungsbild zusammengefasst, wenn sie in Anzahl und Art mit den diagnostischen Kriterien übereinstimmen. Eine Störung ist somit ein konstruiertes Konzept – eine vereinbarte Sammlung von Symptomen, die unter einem bestimmten Label beschrieben, wird.
Doch oft wird dieser pragmatische Ansatz missverstanden. Manche Fachleute sehen Störungen nicht nur als beschreibende Kategorien, sondern als reale, feststehende Entitäten. Dieser Denkprozess wird als „Reifikation“ bezeichnet – die Verwandlung eines abstrakten Konzepts in eine scheinbar objektive Realität.
Der biomedizinische Ansatz der Psychopathologie verstärkt dieses Bild, indem er psychische Störungen mit körperlichen Krankheiten gleichsetzt. Es wird angenommen, dass ihnen feststellbare physiologische oder neurologische Ursachen zugrunde liegen. In der Medizin werden einige Zustände eher als „echte“ Krankheiten angesehen als andere. Eine bakterielle Infektion beispielsweise wird eher als echte Krankheit betrachtet als Farbenblindheit oder Kopfschmerzen. Von einer echten Krankheit oder Störung wird erwartet, dass sie einheitlich ist (alle Betroffenen zeigen die gleichen Symptome), stabil bleibt (sich nicht ohne Weiteres verändert) und eine natürliche Grundlage hat (eine objektive Entsprechung in der realen Welt besitzt; idealerweise ist ein Biomarker bekannt). Doch genau diese Annahmen sind bei psychischen Störungen nicht immer zutreffend. Obwohl es in der Praxis hilfreich sein kann, Störungen als klar voneinander abgegrenzte Krankheitsbilder zu betrachten, war dies nie die eigentliche Intention des DSM. Ein bewussterer Umgang mit Diagnosen kann dabei helfen, psychische Gesundheit differenzierter zu verstehen.
Psychologische Diagnostik EDV-gestützt
Wir nutzen u. a. das Hogrefe-Testsystem, womit die Durchführung von über
hundert standardisierten und wissenschaftlich überprüften Testverfahren möglich ist.
Hinweis zu Fragebögen und Online-Tests
Fragebögen dienen im allgemeinem einem Screening, sind so gesehen also vergleichbar mit einem Schnelltest, d. h. der Test ist so konstruiert, dass eventuell bei nicht eindeutigen Messungen ein (falsch) positives Ergebnis rauskommt, damit niemand übersehen wird. Dadurch wird im Umkehrschluss umgangen, Personen, die eigentlich positiv scoren würden (falsch-negatives Ergebnis), nicht zu übersehen. Aber das bedeutet auch, dass wenn ein positives Ergebnis herauskommt, dieses nicht automatisch bedeutet, dass jemand tatsächlich dieses oder jenes Merkmal oder eben eine entsprechende Störung aufweist.
Somit können Fragebögen allein eine fachärztliche bzw. psychologische Untersuchung nicht ersetzen. Fragebögen-Ergebnisse müssen in einem weiteren Schritt durch klinische Untersuchungen, vertiefende Interviews oder im Zusammenhang mit einer weiterführenden störungsspezifischen psychologischen Diagnostik validiert werden. Sie können allerdings erste wichtige Hinweise liefern, sodass Sie Ihren aktuellen Zustand besser einschätzen und ggf. entsprechende Unterstützung oder Hilfsangebote einholen können.

